Krankenhauskapelle Uniklinikum Halle

Text: Julia Blei, Ilja Claus
Fotos: Ilja Claus

Baubeschreibung und baugeschichtliche Aspekte

Die Kapelle befindet sich auf dem Klinikums- und Institutsgelände der medizinischen Fakultät der Universität in Halle/ Saale in der Magdeburger Straße. Diese war bauzeitlich unter dem Namen Maillenbreite bekannt. Der Bauplaner der Kapelle, Ludwig Alexander Erdmann von Tiedemann, entwarf nebst der Kapelle bspw. auch die Institutshäuser der Pathologie, der Anatomie, der Augen- und Ohrenklinik, der Psychologie und weitere Gebäudeteile des Gesamtkomplexes.[1] Die Kapelle fand erst später Eingang in das Bauprogramm des Geländes, da sich in den bis dahin aufgebauten Gebäuden kein gotteswürdiger Ort gefunden hatte. Der Platz für das Bauvorhaben war zu diesem Zeitpunkt bereits sehr begrenzt, dennoch sollte die Kapelle zentral im Komplex liegen um so das benötigte Ansehen zu erlangen. In den Bauplänen Tiedemanns ist zu erkennen, dass er die Mittelachse der Medizinischen und der Chirurgischen Klinik nahm und die Kapelle zwischen die Erweiterungsbauten dieser beiden Kliniken setzte. Die ersten Entwürfe der Kapelle legte Tiedemann im Jahr 1878 vor. Gebaut und fertig gestellt wurde die Kapelle dann im Jahr 1882/83. [2]
Es wurde geschätzt, dass die Kapelle nicht mehr als Einhundert Besucher pro Gottesdienst abfedern müsse und so entschied sich Tiedemann für eine kleine, quadratische Variante, mit den Raummaßen von ca. zehn mal zehn Metern. Das Gelände der Kapelle fällt nach Westen hin ab, bis zum früheren Isolierhaus des Klinikkomplexes. Im Osten und Westen der quadratischen Kapelle befinden sich jeweils polygonale Vorbauten mit einem wiederum mittig angefügten, kleineren, quadratischen Vorbau.

Rekonstruktionsversuch der Bodenbefliesung
Rekonstruktionsversuch der Bodenbefliesung

Im Innenbereich der Kapelle befinden sich im Osten innerhalb des polygonalen Vorbaus an den jeweils gegenüber liegenden Seiten zwei Eingangstüren (Nordosttür und Südosttür) und in dem quadratischen Anbau eine gusseiserne Wendeltreppe nach oben hin zur Empore, auf der sich die Orgel befand. Heute ist dort nur noch ein Bretter- und Tastenhaufen zu finden, der einmal die Orgel gewesen war. Im Gerümpel befindliche alte Notenbücher und ein Orgelschlüssel erinnern an die einstige Nutzung. Von oben kann man nach unten in den Gemeinderaum blicken. Von unten ist auszumachen, dass im Osten ein Triumphbogen oben zum Orgelbereich hin geöffnet ist und im unteren Bereich eine Flügeltür aus Holz vom Gemeinderaum in den Vorraum führt. Im Westen ist der polygonale Vorbau über einen hohen, unverzierten Triumphbogen komplett geöffnet und gibt den Blick auf den Chor frei. Unter dem Triumphbogen befand sich einst der Altar. Dieser muss in den letzten 20 Jahren aus der Kapelle verschwunden sein. Angela Dolgner, die Autorin  des Werkes „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert“ aus dem Jahr 1996 beschreibt, dass der Altar sich an dieser Stelle befindet. [3] Heute ist der Innenraum komplett leergeräumt. Der kleine, quadratische Vorbau auf der Chorseite ist früher eine Sakristei gewesen. [4] Heute ist dort nur eine Tür zu sehen, dahinter der Durchgang mit einer weiteren Tür nach draußen. Der Deckenabschnitt im Chor wird über zwei Rippen in drei gleichmäßige Dreiecke geteilt. Die darunter liegenden Wandabschnitte des polygonalen Anbaus werden von jeweils drei spitzbogigen Maßwerkfenstern untergliedert. Die Fenster des Chores sind wie alle Fester der Kapelle aus Bleiglas gefertigt, verdreckt, teilweise eingebrochen aber die dezenten Farbtöne noch immer erkennbar.

Fenstergliederung auf der Nordseite der Kapelle
Fenstergliederung auf der Nordseite der Kapelle

Die Nord- und Südwände der Kapelle werden von drei großen Maßwerkfenstern untergliedert. Von außen ist sichtbar, dass immer zwei schmale Fenster von einer kleinen Fensterrose bekrönt und einem Spitzbogen umfasst werden. Diese Elemente werden wiederum von einer größeren Fensterrose bekrönt und das Ganze von einem Spitzbogen umfasst. Das mittlere Fenster wird zusätzlich von einer großen Fensterrose bekrönt, die im Durchmesser die Breite des darunter liegenden Bogens aufweist. Diese wird auch von einem hohen Spitzbogen eingerahmt. Auf beiden Seiten der Kapelle ist die gleiche Wandgliederung vorhanden.Apsis2 Diese ist jedoch nur von außen zu sehen. Im Innenbereich befinden sich die großen Fensterrosen bereits im Dachbereich und da der Dachstuhl aufgrund der Notsicherung momentan nicht mehr einsehbar ist, können auch die Fensterrosen nicht genauer begutachtet werden. Nur bei diesem Gebäudeentwurf griff Tiedemann auf gestalterische Elemente aus der Gotik zurück, da diese für ihn den typischen Charakter eines kirchlichen Baus am ehesten zu transportieren vermochten.

Der betretbare Südosteingang. Flügeltür umrahmt von abwechselnd roten und gelben Ziegeln
Der betretbare Südosteingang. Flügeltür umrahmt von abwechselnd roten und gelben Ziegeln

Der Fußboden im Gemeinderaum weist noch den originalen Tonplattenbelag auf. Die hellen und dunklen Platten im Mittelgang zeigen ein noch fast komplett erhaltenes Muster aus kreuzförmigen Symbolen, die im Chorbereich in einem größeren, verzierteren Kreuzmuster enden. Zu den beiden Seiten des Mittelganges haben einst schlichte Holzbänke bis zu 100 Gläubigen Platz geboten. Die Bänke sind heute leider nicht mehr auffindbar.
Die Saaldecke, die heute durch die Schwerlastträger durchbrochen wird, zeigt teilweise Einblicke ins Dachgebälk und besteht ansonsten aus rohen Längs- und Querbrettern, die laut Dolgners Werk in den 90ern noch mit Holzkassetten versehen waren. [5]Die Grundmauern der Kapelle bestehen aus Bruchsteinen. Das darauf aufgehende Mauerwerk besteht aus Ziegel, Terrakotten und Rohbau mit Verblendsteinen. [6]
Von außen ist die Kapelle durch einen horizontal im Traufbereich des Gebäudes verlaufenden Vierpassfrieses gegliedert. Alle Zugänge sind spitzbogige Türen, die Nordost- und Südosttüren sind Holzflügeltüren und die Westtür aus der Sakristei heraus ist eine einfache Holztür. Alle Türen und Fenster der Kapelle sind durch abwechselnd gelbe und dunkelrote Ziegel gerahmt. Der polygonale Anbau im Osten ist durch den vielfach größeren quadratischen Anbau viel wuchtiger als der kleine Vorbau der Sakristei im Westen. Auch ist er viel höher angelegt. Auf dieser im Osten befindlichen Außenseite ist eine giebelbekrönte Wandnische vorzufinden, die bis hinauf zu einem Glockenfenster reicht. Von innen kann man auf der Wendeltreppe das Fester als eine Fensterrose, in Form eines Dreipasses, identifizieren. Von außen ist das eigentliche Fenster innerhalb des Glockenfensters kaum auszumachen. Auf den alten Bauplänen Tiedemanns ist innerhalb der Wandnische eine Christusfigur auf einer Konsole stehend eingezeichnet. Allerdings scheint diese bei der Ausführung dann nie dort angebracht worden zu sein. Dies ist zumindest nach Dolgners Veröffentlichung herausgekommen.[7]
Der Bau zeigt eine Giebelausbildung an allen Umfassungswänden. Das darüber folgende steile Rautendach der Kapelle ist mit Schieferplatten gedeckt und hat einen schlanken Dachreiter mittig oben aufsitzen. Den alten Bauplänen von 1878 nach sollte der damit auch umgesetzt wurde.  Die gesamte Baufläche der Kapelle beträgt 129,50 m² und umfasst ca. 870,00 m³ Raum. [8]

Bau- und Erhaltungszustand

Die Krankenhauskapelle wurde seit Jahrzehnten nicht mehr als Andachtsraum genutzt und bauliche Instandhaltungsmaßnahmen sind fast vollständig ausgeblieben. In der Folge ist der rein optische, aber auch der bauliche Zustand der Kapelle allgemein als kritisch zu bezeichnen.

Westliche Apsis mit beschädigtem Fries und leicht beschädigten Bleiglasfenstern
Westliche Apsis mit beschädigtem Fries und leicht beschädigten Bleiglasfenstern

Angefangen bei den eher leichten Schäden an Bleigläsern, Türen und Teilen des Maßwerks, sind im Außenbereich die teils nicht vorhandenen, teils beschädigten und teils schlicht zugewachsenen Regenrinnen zu nennen, die eine effektive Dachentwässerung verhindern. Ebenso fehlen Fallrohre, die das Regenwasser direkt in die Kanalisation leiten. In der Folge läuft Regenwasser an der Fassade herunter und durchnässt das Mauerwerk. Das Hauptdach ist nach Notsicherungsmaßnahmen wieder dicht, nachdem dort jahrelang Wasser eindringen konnte. Die Schieferbedeckung der Laterne ist aber weiterhin sichtbar löchrig. An der Nordwand ist circa einen halben Meter hoch Erde aufgeschüttet, welche auch die Benutzung des Nordosteingangs unmöglich macht. Es ist anzunehmen, dass diese Erdschichten die Durchfeuchtung des Mauerwerks zusätzlich befördern. Im Außenbereich ist ferner noch am Südosteingang ein langer Riss im Mauerwerk zu nennen, dieser scheint aber seit Jahrzehnten zu bestehen und hat keine weiteren Auswirkungen auf die Statik. Ebenfalls erwähnenswert sind die stellenweise auftretenden Beschädigungen im Fries.
Der Innenraum wird von einer Reihe von Gerüsten bestimmt. Im Zentrum der Kapelle befinden sich drei Schwerlastträger, welche die Last des Dachstuhls abfangen. Das betreten des Dachbodens ist wegen der unsicheren Statik nur in Ausnahmefällen möglich. An den Wänden zeigen sich deutlich die Folgen des vormals eingedrungenen Regenwassers und der aufsteigenden Feuchtigkeit im Mauerwerk: Der Putz blättert an nahezu jeder Wand in großen Mengen ab. An der Nordwand ist eine mehrere Quadratmeter große Putzblase zu erkennen, die sich schon sichtlich vom Mauerwerk abgesetzt hat. Eine ursprünglich verbaute Kassettendecke wurde aus Sicherungsgründen abgenommen und eingelagert. Die ehemalige Orgelempore ist, ebenso wie die gusseiserne Wendeltreppe im östlichen Eingangsbereich, in sehr gutem Zustand. Der äußere Eindruck, dass die Bleigläser weitgehend gut erhalten sind, bestätigt sich im Innenraum. Lediglich in der westlichen Apsis zeigen sich größere Löcher in den Fenstern. Der originale, schlicht mit schwarzen und weißen Kacheln gestaltete Laufweg ist, abgesehen von einigen Kratzern und diversen leichten Beschädigungen, in erstaunlich gutem Zustand.

Zugesetzter Nordosteingang mit sichtlich durchfeuchtetem Mauerwerk.
Zugesetzter Nordosteingang mit sichtlich durchfeuchtetem Mauerwerk.

Zusammengefasst müssten, vor einer eventuellen Wiedereinweihung der Kapelle, eine ganze Reihe von baulichen Maßnahmen ergriffen werden. Neben der Trockenlegung des Mauerwerks ist hier dringend die Erneuerung des Daches und des Dachstuhls zu nennen. Weit kleinere Aufwendungen wären für die Erneuerung und Reparatur der Regenrinnen und der Bleiglasfenster nötig. Wünschenswert, aber keinesfalls nötig, wäre die Beseitigung von flächig sichtbaren Teerspritzern an der Fassade. Ebenfalls sinnvoll wäre die Erneuerung der bestehenden originalen Heizungsanlage unter Rückbau einer nachträglich, wahrscheinlich zu DDR-Zeiten, eingebauten Heizungsanlage. Im aktuellen Zustand ist die Kapelle in keiner Weise nutzbar und darf nur mit besonderer Genehmigung betreten werden. Sollten Dach und Dachstuhl auch weiterhin nicht erneuert werden, ist mittelfristig der Erhalt dieses Kleinods auf dem Klinikgelände nicht gesichert.

  1. [1]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 146,ff.
  2. [2]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 191, Z. 1-7.
  3. [3]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 191, Z. 15,16.
  4. [4]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 191, Z. 17.
  5. [5]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 274, Z. 33.
  6. [6]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 274, Z. 28,29.
  7. [7]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 193, Z. 9,10.
  8. [8]Dolgner, Angela „Die Bauten der Universität Halle im 19. Jahrhundert, Ein Beitrag zur deutschen Universitätsbaugeschichte“, Halle 1996, S. 274, Z. 1-3 linke Spalte.