St. Albanus in Gaberndorf

Text: Ilja Claus
Fotos: Ilja Claus
Grundriss: Axel Deuer

Gaberndorf

Baubeschreibung und Baugeschichte

Inschrift
Bauinschrift von 1520/1502

Die wenige Kilometer westlich von Weimar gelegene Kirche in Gaberndorf fällt schon von weitem durch ihren großen, das Umland bestimmenden Turm am Fuße des Ettersbergs auf.
Die Kirche besteht aus einem 23,7 mal 10,95 Meter breitem Saalbau mit dreiseitigem Chorabschluss im Osten sowie dem nördlich angesetzten, quadratischem Turm mit einer Seitenlänge von 6,2 Metern und einer Gesamthöhe von fast 40 Metern. Von einem romanischen Vorgängerbau, der wohl im 12. Jahrhundert errichtet wurde, sind aufgehende Mauerreste im Schiff erhalten, eine erste Pfarrei wird 1333 erwähnt.[1]
Eine Bauinschrift an der Südostseite des Chores weist auf 1502 erfolgte Bauarbeiten hin: „Anno domini 1500 [mccccc] secundo inceptum est praesens opus secunda feria post quasimodogeniti“[2], das heißt den vierten April 1502[3].
Allerdings lässt sich die Inschrift durchaus auch auf 1520 datieren, sofern man das „2O“ in „MCCCCC 2O“ nicht als ‚Secundo‘, sondern als 20 liest. In diesem Fall wäre das Tagesdatum mit dem 16. April anzugeben. Im Zuge dieser Baumaßnahmen wurde der Chor neu errichtet und auch das Schiff umgestaltet. Das Holz für den Dachstuhl ist dendrochronologisch auf 1504 datiert.[4]
Zusammen mit dem neuen Schiff wurde womöglich der Turm errichtet[5], die heutige Turmspitze kam erst im 18. Jahrhundert hinzu. Die Übergänge vom Schiff zum Turm im Erdgeschoss und im ersten Stockwerk unterscheiden

Durchgang_Turm Kopie
Durchgang vom Turm zum Schiff

sich jedoch deutlich in Anblick, Material und Verarbeitung. Zwar lassen sich diese Übergänge nicht genau datieren, jedoch scheint es zweifelhaft, dass man annähernd zeitgleich sich sehr stark unterscheidende Durchgänge errichtet.
Weite Teile der Nord- und Westmauer des Schiffs bestehen aus sorgfältig bearbeiteten Kleinquadermauerwerk aus Kalkstein mit Ritzfugen[6], welches noch von einem Vorgängerbau stammt. Über diesem Mauerwerk und auch im Turm wurde Bruchsteinmauerwerk verwandt. Die Ortsteine des Turms und im Chorabschluss zeigen Zangenlöcher und teilweise Steinmetzzeichen. Die Südfassade des Kirchenschiffes ist durch drei um 1912[7] angebrachte Strebepfeiler gegliedert, zur gleichen Zeit wurden am Chor drei Zuganker angebracht. Die Südseite besitzt links und rechts neben dem heutigen Eingang jeweils zwei Spitzbogenfenster. Sowohl der Eingang als auch die beiden südwestlichen Fenster sind erst im 19. eingebaut worden.[8] Die Westseite zeigt den Giebel und den zugemauerten ehemaligen Haupteingang. Die Nordwestseite des Schiffs zeigt ein zugemauertes romanisches Fenster sowie ein spitzbogiges Fenster ohne Maßwerk. Auf der Nordostseite findet sich ein weiteres Spitzbogenfenster. Der Chor ist nur mit einem Spitzbogenfenster ausgestattet.
Der nördlich liegende Kirchturm ist in die Nordwand des Schiffs zumindest teilweise integriert und ragt am Übergang zum Chor ins Innere der Kirche hinein. Der Turm wird „durch zwei gekehlte Gurtgesimse in drei Geschosse unterteilt.“[9] An der Ostseite befindet sich eine Piscina im Erdgeschoss. Außerdem ist es durch Kreuzgratgewölbe, welches auf Konsolen gelagert ist, von den anderen Geschossen getrennt. Dort und im ersten Stockwerk befinden sich an der Ost- und Westseite jeweils ein schlitzartiges Fenster, welches durch vier monolithische Quader gefasst ist. Im zweiten Stockwerk kommt noch ein weiteres Fenster an der Nordseite hinzu, außerdem sind die Fenster hier deutlich größer und von einem Segmentbogen überspannt. Ferner erkennt man im ersten und zweiten Obergeschoss Aussparungen für Deckenbalken. Diese weisen auf eine –gegenüber den heutigen Geschossen– deutlich verschobene Einteilung der Stockwerke hin. Im Glockengeschoss befinden sich an allen vier Seiten Spitzbogenfenster mit teilweise erhaltenem Maßwerk. Der Turmaufsatz ist eine Mischform aus Welscher Haube und gotisiertem Spitzhelm.[10]
Der Innenraum ist heute vor allem von den verschiedenen Sanierungen im 20. Jahrhundert bestimmt: In den 60er Jahren wurde aus statischen Gründen die alte Holztonne gegen eine Flachdecke ersetzt, die zweite Empore und der aus dem 19. Jahrhundert stammende Kanzelaltar wurden entfernt. Unter dem heutigen Anstrich der Empore befinden sich womöglich noch Malereien von 1724.[11] 1986 und 1987 wurde der Saal einer „purifizierenden Umgestaltung“[12] nach einem Entwurf des Restaurators Gero von Stuckrad unterzogen. Ende 2009 wurde mit ersten Planungen zur Sanierung des Kirchdaches im Bereich des Schiffs und des Turms begonnen, nachdem die letzte Reparatur 1946 erfolgte. Außerdem wurden durch den planendenden Architekten weitere Vorschläge für Reparaturmaßnahmen unterbreitet, so zum Beispiel die Sanierung des Treppenhauses im Turm, als auch die Erneuerung des Putzes. Der Turm der Kirche wurde 2012 eingerüstet und die Schieferdeckung erneuert.[13] Die Reparatur des Daches des Kirchenschiffes ist für die nächsten Jahre angedacht.

Altarbild im Chor der Kirche
Altarbild im Chor der Kirche

Erwähnenswert im Innenraum sind noch das von 1560 stammende Altarbild, welches Peter Roddelstet zugeschrieben wird. Es stand bis 1960 an der Südseite der Kirche und ersetzte danach den vollständig entfernten Kanzelaltar. An der Südostseite im Altarraum befindet sich eine lebensgroße Figur des gekreuzigten Jesus, welche um 1470 entstanden ist. Das zeitgleich hergestellte Kreuz mit in Resten erhaltenen Darstellungen der vier Kirchenväter Hieronymus (rechts), Augustinus (links), Ambrosius (unten) und Gregor dem Großen (oben) befindet sich heute an der Südseite und wurde vor einigen Jahren konserviert.[14]

 

Bewertung

Die umfangreichen Bauarbeiten in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhundert sind sehr zwispältig zu betrachten: Einerseits verlor die Kirche durch die Entfernung der für diese Gegend so typischen Holztonnen ein charakteristisches Merkmal, der Verlust von Orgel und Kanzelaltar und das Überstreichen der Malereien aus dem 18. Jahrhundert taten ihr Übriges. Spätestens seit der „Purifizierenden“ Sanierung der Kirche in den späten 80ern wirkt die Kirche im Innenraum eher trist, das von außen so imposant wirkende und weithin sichtbare Gotteshaus verliert im Inneren nahezu vollständig seine Wirkung.
Andererseits wurde durch die Entfernung der Holztonne die dringend notwendige Stabilisierung der Außenmauern des Kirchenschiffs erreicht, welche unter dem Druck der Holztonne langsam auseinander gedrückt wurden. Die knapp 50 Jahre vorher angebrachten Strebepfeiler brachten dabei nicht den gewünschten Erfolg. Wie die statische Situation in St. Albanus heute sein könnte, sofern man diese Maßnahmen nicht ergriffen hätte, lässt sich gut an der Kirche in Obergrunstedt[15] erkennen: Bei dieser driftet das Mauerwerk unter dem Druck der Tonne langsam auseinander, mit deutlich sichtbaren Rissen an den Wänden. So muss diese Maßnahme wohl im Rückblick als unschöne, aber notwendige Maßnahme angesehen werden, wenn es auch Alternativen, zum Beispiel das Einziehen von weiteren Zugankern, gegeben hätte. Heutzutage wäre die Wiederherstellung der alten Holztonne unter Zuhilfenahme von Zugankern zwar wünschenswert, angesichts der finanziellen Lage der Gemeinde ist das aber bestenfalls illusorisch.
Für den Innenraum wiederum wäre die Freilegung und eventuelle Rekonstrunktion der Malereien an den Emporen wünschenswert, um so den Innenraum zumindest wieder teilweise ansprechend aussehen zu lassen.
Ferner wäre auch der Anschluss der Kirche an den „Feininger-Radweg“ wünschenswert. Dieser ignoriert, neben der St. Albunus Kirche, aktuell auch die Feininger-Kirchen im angrenzenden Daasdorf am Berge und in Tröbsdorf. Mit dem Fahrrad befahrbare Wege sind bereits vorhanden, jedoch nicht ausgeschildert.

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  1. [1]Vgl.: Thüringisches Landesamt für Denkmalpflege (Hrsg.), bearbeitet von Rainer Müller: Stadt Weimar; Altenburg 2009; S. 975.
  2. [2]Lehfeldt, Paul: Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens. Verwaltungsbezirk Weimar. Amtsgerichtsbezirke Großrudestedt, Vieselbach, Blankenhain, Ilmenau und Weimar; Jena 1893; S. 238.
  3. [3]Anm.: Lehfeldt übersetzt „secunda feria post quasimodogeniti“ fälschlicherweise mit „am zweiten Tage nach Sonntag Quasimodogeniti“, gemeint ist aber ‚feria secunda‘ und damit Montag.
  4. [4]Vgl. Müller, Rainer; Altenburg 2009; S. 975.
  5. [5]Anm.: Darauf verweist Rainer Müller.
  6. [6]Vgl. ebd. S. 976.
  7. [7]Vgl. ebd. S. 975.
  8. [8]Vgl. ebd.
  9. [9]Ebd. S. 976.
  10. [10]Vgl. ebd.
  11. [11]Vgl. ebd.
  12. [12]Ebd
  13. [13]Siehe dazu auch das Panorama welches den Blick von der Spitze des Gerüsts zeigt.
  14. [14]Vgl. ebd S. 977 f.
  15. [15]Siehe auch die Kirche in Obergrunstedt